Die
langen Fingernägel des Unbekannten
(Vorwort)
Yksbadral
– geheimnisvolles Yksbadral! Wie hatte ich mich danach gesehnt,
es zu betreten! Wie umfangreich waren meine Vorbereitungen gewesen! Wie
sorgfältig hatte ich meine Reise durch ein Wurmloch geplant, wie
mühsam meinen Körper auf die daraus erwachsenden Strapazen vorbereitet!
Hätte ich aber gewusst, was mich erwartete, so wäre meine Vorfreude
gewiss gedämpft worden, ja, vielleicht hätte ich auf meine Reise
ganz verzichtet. Denn wer Yksbadral bereist, darf seine Pläne nicht
ohne die dort lebende Urbevölkerung, die gefährlichen Badraluken,
machen. Die Badraluken verdanken der Tatsache, dass ihre Haut das Licht
in einer für das menschliche Auge nicht wahrnehmbaren Wellenlänge
reflektiert, ihre Unsichtbarkeit. Dem menschlichen Auge sichtbar sind
hingegen die Fingernägel der Badraluken, die ich zur Genüge
kennen lernen sollte. Außer den Badraluken leben in Yksbadral die
Basilisken, von denen einer dereinst sich in die Welt der Menschen verirrt
hatte, dort jedoch auf wenig Gegenliebe gestoßen war, gilt den Menschen
doch das meiste, das anders ist als sie selbst, für abstoßend
und verachtenswert.
Ich will jedoch am Anfang beginnen, ganz am Anfang, als ich beschloss,
Yksbadral zu besuchen, jenes geheimnisvolle Land, an dessen Existenz die
sich seriös nennende Wissenschaft bis heute zweifelt. Ich hatte einen
Film über zwei Reisende gesehen, die von ihrer Reise nicht zurückgekehrt
waren, jedoch dafür gesorgt hatten, dass der Film, den sie, ihre
Reise begleitend, gedreht hatten, in die richtigen Hände geriet,
in Hände also, die den Film nicht nur archivierten, sondern auch
der Öffentlichkeit zugänglich machten. In diesem Film sah ich,
dass die Böden Yksbadrals bedeckt waren vom sagenhaften Fünffingerkraut,
dem die magische Eigenschaft zugeschrieben wird, es würde die Menschen
zur schriftstellerischen Tätigkeit sowohl befähigen als auch
anregen, letzteres in einem Ausmaß, das ihnen kaum mehr Zeit zu
anderen Tätigkeiten ließe, das also den Weiterbestand eines
rasend produzierenden, konsumierenden und expandierenden Kapitalismus
ebenso infragestellen könnte wie auch die Idee des Menschen als sich
selbst erhaltendes und fortpflanzendes Wesen. Denn weder zur Herstellung
von Nahrungsmitteln noch zur Fortpflanzung ließ das Fünffingerkraut
jenen Zeit, die es im Übermaß genossen hatten, für jene
gab es nur noch das Schreiben. Vorsicht wurde daher nicht nur von denen
empfohlen, denen die Aufrechterhaltung der Produktions- und Konsumationsbedingungen
am Herzen lagen, auch jene, die die Literatur als Kommunikationsinstrument
sahen, warnten und hoben ängstlich die Zeigefinger, wenn die Rede
auf das Fünffingerkraut kam, ließ es den Schreibenden ja nicht
die Zeit zum Lesen der Werke anderer Schreibender. Jene, die die Literatur
als Kommunikationsmittel betrachteten, hatten ja grundsätzlich großes
Vertrauen in die Schreibenden und glaubten, dass diese, ebenso wie sie
selbst, sich gar nichts anderes vorstellen konnten als ein demokratisches
Miteinander der Texte und der Schreibenden. Nur im stillen Kämmerlein
oder traulichen Tête à Tête stellten sie die Frage,
ob wirklich alle Texte notwendig waren oder ob nicht der eine oder andere,
der ihnen missfiel, auch dem großen Konstrukt Literatur eher Schaden
als Nutzen zufügen würde. Sie antworteten auf diese Frage allerdings
stets mit Nein, und räumten damit jedem Text dieselben Rechte ein,
die Literatur mitzugestalten. Allerdings ließen sich viele der Anhänger
und Anhängerinnen einer „Literatur-als-Kommunikation-Theorie“
dazu hinreißen, zu behaupten, dass gerade bekannte Texte bekannter
Autorinnen und Autoren oft wenig zum großen Konstrukt Literatur-als-Kommunikationsmittel
beitrugen. Gerade die bekanntesten Autorinnen und Autoren gerieten immer
wieder in Verdacht, das geheimnisvolle Fünffingerkraut im Übermaß
genossen zu haben, gehörten sie doch oft zu jenen Schreibenden, denen
das Schreiben kaum Zeit zum Lesen ließ, weswegen sie nicht nur recht
uninformiert waren, was andere Texte betraf, sondern diese Uninformiertheit
auch nicht als solche erkannten. Sie waren ja der Meinung, die wichtigen
Texte sowieso geschrieben zu haben und daher bestens informiert zu sein.
Zurück zum Film über Yksbadral und zum phantastischen Fünffingerkraut,
das ich es in jenem Film wieder sah. Der Film trug im Übrigen den
Titel „Reisen mit fünf Fingern von einem Ende der Erde“
und spielte damit auf das Buch der Autorin Lisa Spalt mit dem Titel „Reisen
von einem Ende der Erde“ an. Das Fünffingerkraut sowie auch
die sonstige Beschaffenheit von Yksbradal faszinierten mich, und auch
das Schicksal, das jenen beiden Reisenden beschwert war, ließ mich
nicht kalt, ja, ich brannte darauf, zu recherchieren, was aus ihnen geworden
war und wieso es ihnen anscheinend nicht möglich war, ihre Reise
abzuschließen und Yksbadral zu verlassen. Das Land erschien mir
auf eine Art und Weise verlockend, und nach längerem Überlegen,
begann ich mit den Vorbereitungen zu meiner eigenen Reise, die ich Expedition
nannte und von der ich mir sowohl Erkenntnis als auch Erbauung und Abenteuer
erhoffte. Von Letzterem wurde mir mehr zuteil, als ich erwartet hatte,
doch auch die Erwartung an Erkenntnis wurde mehr als ausreichend erfüllt.
Lediglich an Erbauung ließ meine Reise sehr zu wünschen übrig.
Sie brachte mich in Gefahren, von deren Existenz ich nicht einmal in meinen
schlimmsten Alpträumen zu träumen gewagt hätte und zeigte
mir die Badraluken von einer Seite, die mich das Gruseln lehrte. Meine
Erfahrungen schreibe ich erstens nieder, damit jeder und jede gewarnt
sei, bevor er oder sie sich auf eine Reise mit unbekanntem Ziele begebe,
zweitens aber auch, um mir und meinen Leserinnen und Lesern zu ermöglichen,
das Land Yksbadral in ihren Gedanken und Gefühlen einzurichten.
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