Vorwort von Ilse Kilic: "Plausch hinter den Kulissen"

1) Jedes Gedicht stellt eine Individualität dar, die sich von allen anderen Gedichten grundlegend unterscheidet. Deswegen ist es schwierig, etwas zu finden, das allen Gedichten gemeinsam ist.
Diese Sätze stimmen auch, wenn man statt Gedicht „Hund“ oder „Briefmarke“ einsetzt. Trotzdem wissen die meisten Menschen, was ein Hund oder eine Briefmarke ist. Die Frage „Was ist ein Hund?“ lässt sich trotz der großen Formenvielfalt, die Hunde aufweisen, recht eindeutig beantworten. Ein Hund ist ein Säugetier aus der Familie der Hunde innerhalb der Überfamilie der Hundeartigen. Ebenso eindeutig ist die Antwort auf die Frage nach der Briefmarke: Eine Briefmarke ist ein Postwertzeichen, das auf Papier gedruckt wird und zur Bezahlung der Beförderung von Postsendungen dient.
Der Hund definiert sich durch seine Abstammung durchaus tautologisch, die Briefmarke durch ihren Verwendungszweck.
Die Antwort auf die Frage „Was ist ein Gedicht?“ könnte sinngemäß lauten: Ein Gedicht ist eine lyrische Form, die mit formell gebundener Sprache arbeitet. Oder: Ein Gedicht kann man schreiben, lesen, aufsagen oder auswendig lernen.
2) Ein oft genanntes untrügliches Zeichen, das ein Gedicht definiert, sind die Zeilenlängen, die nicht bis zum Seitenende reichen. Die Leerstellen, an denen das Gedicht das Zeilenende nicht erreicht, gelten als Rastplätze des Gedichts und ermöglichen laut Renate Singspiel ein Atemholen der Sprache. Auch ein kleines Schläfchen, ein kleiner Imbiss oder ein Plausch hinter den Kulissen ist dem Gedicht an diesen Stellen möglich.

 

Das gesammelte Werk - Band 1
(Textauszug)

„I Think...
WÖRTER: „I Think...
Diese gewöhnlichen
WÖRTER: „I Think...
Dieses einfache Stammeln
Eines Menschen nach
WÖRTER: „I Think...
Und diese gewöhnlichen
WÖRTER: „I Think...
Und diese kargen
WÖRTER: „I Think...
Und diese ganzen armen
WÖRTER: „I Think...
Und diese leidgeprüften
WÖRTER: „I Think...
Und diese hohlen
WÖRTER: „I Think...
Und ein grosses WORT: „Lautsprecher.“


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