die frische luft brachte trotz der draußen herrschenden lauen sommertemperatur einen hauch von feuchter kälte in die küche. das spruchband flatterte im unruhigen wind. nora und fritz, großmütter und großväter, ein altes venezianisches haus. gespräche über puppen. an ihren fehlenden geschlechtsteilen könnt ihr sie erkennen. sie vermehren sich in manufakturen und fabriken. wir haben hier alle zutaten eines finsteren und schwermütigen romans. auch die seelenvögel gehören dazu, tauben, ja tauben mit ihrem schweren flügelschlag, symbole, die immer wieder erschossen wurden, wenn es ihnen nicht gelang, dem großvater davonzuflattern. nora klapperte mit ihren liddeckeln. großvater vermag viel, sagte sie mit ihrer dünnen piepsenden tonbandstimme, aber fliegen kann er nicht! wir alle sehen auf unsere besondere art dem großvater ähnlich, betonte nora. ihr aufgemalter mund bewegte sich hektisch. sie warf ihre geschmeidigen beine hoch in die luft und gab den blick auf weiße unterwäsche frei, über der sich ein rosafarbener bauch hübsch und üppig rundete. draußen zerriß das schreien einer katze die stille. es ist, sagte fritz ernsthaft, als ob ich hergekommen wäre, um zu erleben, daß es sie und den großvater wirklich gibt. ach nein! aber unser frühstück!

einsendung vom 30.12.2008, anonym:
Wer vor dem Frühstückskaffee sitzt, hat keinen guten Blick auf die Probleme der großen weiten Welt. Der Blick auf die dampfende Tasse und das daneben liegende Buttercroissant versöhnt mit dem Nachrichtenteil der Zeitung, sagte der Großvater. Nora kicherte. In Wirklichkeit, so flüsterte sie mir zu, liest der Großvater niemals eine Tageszeitung, das würde sein schwaches Herz nicht überleben. Ich lese ihm aus der Zeitung vor und passe genau auf, welche Nachrichten ich ihm zumuten kann. Besonders gerne hört der Großvater die Kontaktanzeigen. Darf ich den Großvater fotografieren?, fragte Fritz. Er bewunderte die starken Hände des Großvaters, der soeben einer etwas plumpen Puppe die Flügel einer Taube applizierte. Klick, machte der Fotoapparat.

einsendung vom 11.01.2009, Günter Vallaster:
holzknechte frühstücken nicht, sagte nora. und puppen weinen nicht, erwiderte fritz. ich weine doch nicht, versetzte nora schnippisch. doch, sagte fritz mit etwas insistierendem ton, unter deinen lidern lauern tränen – tränen der freude! unterbrach sie ihn, und tränen der bindehautentzündung. komm, lass uns frühstücken! du hast vielleicht doch recht, lenkte fritz ein und er begann, mit der nase die kaffeemoleküle, die sich aus der kanne duftend in der luft ausbreiteten, einzusammeln, kein einziges wollte er sich entgehen lassen. so setz dich doch hin! sagte nora mit ihrer dünnen piepsenden tonbandstimme schon etwas ungeduldig. fritz nahm platz und starrte in den teller. wie kommst du darauf, dass ich ein holzknecht bin? fragte fritz, ohne den kopf zu heben.

einsendung vom 31.05.2009, Renate Singspiel
Wer sind wir, wenn wir sprechen? Kleine Maschinen, Puppen mit beschränktem Repertoire? Draußen vor der Tür gehen andere Menschen auf und ab. Das Auf und Abgehen macht ein klapperndes Geräusch. Es klopft. Wer ist da? Wir sind es, eine Bande sympathischer kleiner Gauner. Wir sind auf der Suche nach Beute. Nora lacht. Höfliche Diebe, die an die Türe klopfen. Vielleicht wollt ihr das neueste Werk des Großvaters mitnehmen? Eine geflügelte Puppe mit Fotoapparat? Die kleinen Gauner kichern und einige Hände strecken sich durch die geöffente Türe. Doch was ist das?

einsendung vom 8.08.2009, anonym
Beginnen wir doch endlich mit der Story! Großvaters Werk war nämlich kein normales Werk, sondern eines mit einer geheimen Botschaft. Eine Schatzkarte? Neinnein. Großvater war Zeit seines Lebens wissenschaftlich tätig gewesen und hatte nun, aufgrund seines schwachen herzens diese Tätigkeit beendet. Ja, die Wissenschaft verträgt kein schwaches Herz. Nun waren einige Kolleginnen und Kollegen hinter seinen letzten Forschungsergebnissen her. Eine seltene Ausnahme in der heutigen Zeit, dass ein einzelner Forscher etwas entdeckte, in einsamer Arbeit im Labor. Der Großvater allerdings hatte nach seiner Herzoperation sein ganzes biochemisches Wissen vergessen. Oder er gab zumindest vor, es vergessen zu haben. Wir alle, die wir auf unsere heimliche Art dem Großvater ähnlich waren, glaubten ihm einerseits, beobachteten ihn aber andererseits auch argwöhnisch, denn es lagen uns bereits Angebote zur weiteren Verwendung seiner Entdeckung vor, lukrative Angebote, wie uns schien. Und Nora, die von uns allen am meisten von Großvaters Forschungen verstand, redete immer wieder davon, dass sich der Schlüssel zu seiner Entdeckung in seinem letzten, handgeschriebenen und nur schwer lesbaren Werk befinden musste.

einsendung vom 18.11.2009, konrad berger
Wir waren aufmerksam und auf der Hut, aber zugleich lebten wir auch unser ganz alltägliches Leben mit seinen kleinen Nachlässigkeiten und Unaufmerksamkeiten. Nur so war es möglich, dass Großvaters Herz nicht stillstand. "Gibt es einen älteren Herrn mit schwachem Herzen, dem ich seinen Lebensabend versüßen darf?". Diese Kontaktanzeige las ich dem Großvater nicht vor. Aber irgendwie hatte er sie doch entdeckt und beantwortet, ja er hatte seine Adresse, die auch die unsere war, bekanntgegeben. Und nun stand eine kleine rothaarige Frau vor der Türe und streckte ihre langen feingliedrigen Hände herein. Hoffentlich war sie echt und kein auf Diebstahl programmierter Automat! Der Großvater kicherte und bat Nora, eine zusätzliche Tasse auf den Frühstückstisch zu stellen. Ich habe Napfkuchen mitgebracht, sagte die alte Dame.

Wer an dieser kleinen Geschichte weiterschreiben will: Text mit maximal 1200 Zeichen an office@fussnoten.at. Wir behalten uns vor, aus den Einsendungen jene auszuwählen, die wir im Laufe der nächsten Wochen, Monate und Jahre an dieser Stelle präsentieren.

   


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